Die Selaginellales, auch Moosfarne genannt, erinnern äußerlich an kleine Farne. Botanisch gehören sie jedoch nicht zu den eigentlichen Farnen, sondern zu den Lycophyten (Bärlapppflanzen). Heute existiert nur noch eine Gattung, Selaginella, mit etwa 700 Arten. Sie gelten als Relikte einer uralten Pflanzengruppe – die meisten ihrer einstigen Verwandten sind längst ausgestorben.
Eine der bekanntesten Arten ist Selaginella lepidophylla, die sogenannte Auferstehungspflanze oder auch die falsche Rose von Jericho. Sie wächst in den Wüsten Nordamerikas, unter anderem in Kalifornien. Dort herrscht über lange Zeit extreme Trockenheit. Die Pflanze begegnet diesen Bedingungen nicht, indem sie in der Dürre weiterlebt, sondern indem sie ihr Leben nahezu vollständig einstellt. Sie geht in einen Zustand der Starre (Stase): Die Zweige rollen sich ein, reflektieren die Sonnenstrahlen und verhindern so weiteren Wasserverlust. Erst wenn nach langer Zeit Regen oder eine Überschwemmung kommt, entfaltet sie sich innerhalb kurzer Zeit, wird wieder grün und lebt für einige Tage auf. Sie weiß nicht, wie man mit Trockenheit lebt – sie weiß, wie man sie überlebt.
Dieses biologische Verhalten spiegelt das zentrale Thema der Selaginella wider.
Menschen, die diesem Arzneimittelbild entsprechen, erleben häufig das Gefühl, im Leben festzustecken. Sie drehen sich innerlich im Kreis, ohne einen Weg aus ihrer Situation zu finden. Vergangene Traumata, Verluste oder Kränkungen bleiben lebendig, als wären sie konserviert. Nichts scheint sich verändern zu können.
Typisch ist ein tiefer, stiller Kummer. Die Trauer kann oft nicht ausgedrückt werden; Weinen fällt schwer. Es liegt eine Schwere auf dem Herzen, als befände man sich dauerhaft unter einer dunklen Wolke. Vergessen oder Loslassen scheint unmöglich. Auch Ärger bleibt eingefroren und kann nicht nach außen gelangen.
Immer wieder werden dieselben belastenden Erfahrungen innerlich durchlebt. Manche kompensieren dies durch Suchtverhalten, übermäßige Arbeit oder andere Gewohnheiten, obwohl sie wissen, dass ihnen diese schaden. Das Leben wird mechanisch wiederholt, ohne wirkliche Entwicklung.
Das Grundgefühl ist das eines extremen Mangels. Um überhaupt überleben zu können, zieht sich der Mensch innerlich zusammen. Er lebt in einem engen, ausgedörrten Zustand – fast so, als wäre er nur noch am Überleben, nicht mehr am Leben.
Dieser Mangel kann sich auf verschiedenen Ebenen zeigen:
• Mangel an Nahrung, Armut oder existenzieller Not.
• Mangel an Liebe, Geborgenheit und Aufmerksamkeit – eine emotionale Wüste.
• Erfahrungen von Flucht, Hunger oder Verlassenwerden.
• Traumatische Erlebnisse wie Missbrauch, Folter, der Verlust nahestehender Menschen oder das Sterben eines Kindes.
• Schwangerschaften ohne Unterstützung oder das Fehlen einer schützenden männlichen Kraft.
Aus dieser Erfahrung heraus entsteht häufig der Zwang, alles sammeln und festhalten zu müssen – aus der tiefen Überzeugung heraus, niemals genug zu haben. Zum Selbstschutz bildet sich eine dicke innere Hülle. Die Lebendigkeit wird unterdrückt, das Leben auf später verschoben. Die Energie wird auf ein Minimum reduziert, um das Überleben zu sichern.
Selaginella ist der große Überlebenskünstler. Doch dieses Überleben hat einen hohen Preis: Das Leben wird konserviert. Betroffene fühlen sich oft mehr tot als lebendig. Gefühle verschwinden, Lachen ersetzt das Weinen. Der eigentliche Lebenszweck scheint verloren gegangen zu sein.
Wenn das Leid zu groß wird und das eigene Ich nicht stark genug ist, es zu tragen, kann sich der Mensch innerlich vom Schmerz abspalten. Manche erleben sich dann wie außerhalb ihres Körpers oder entwickeln eine erstaunliche Furchtlosigkeit, weil sie kaum noch etwas empfinden.
Als Kompensation können zwanghafte Rituale entstehen. Der Glaube richtet sich dann weniger auf eine tiefe Spiritualität als auf die Hoffnung, durch religiöse Handlungen gerettet zu werden. Rituale vermitteln kurzfristig Sicherheit. Es können Zwangshandlungen auftreten, beispielsweise bestimmte Handlungen oder Worte immer wieder wiederholen zu müssen. Manche erleben sich dabei als besonders heilig oder auserwählt.
In schweren Fällen können Selbstverletzungen oder stereotype Bewegungen auftreten, etwa sich zu ritzen, den Kopf gegen die Wand zu schlagen oder andere gleichförmige Bewegungen auszuführen.
Auch körperlich zeigt sich das Thema des Zusammenziehens und Austrocknens.
Es besteht ein starker Bezug zu den weiblichen Geschlechtsorganen, besonders zu Uterus und Schwangerschaft. Typisch sind:
• Schweregefühl im Becken.
• Das Gefühl, Leben über die Vagina zu verlieren.
• Verminderte Empfindung und fehlendes Schmerzempfinden.
• Unfruchtbarkeit oder eingeschränkte Fruchtbarkeit.
• Vorzeitiges Ausbleiben der Menstruation.
• Schwere Brüste, ähnlich einem Milchstau.
Hinzu kommen:
• Schwere oder Angst im Herzbereich.
• Kurzatmigkeit und das Gefühl innerer Enge.
• Trockene allergische Beschwerden und Kloßgefühl im Hals.
• Dehydratation als zentrales Motiv.
• Bezug zu Knochen, Skelett und kontrahierter Muskulatur.
• Beschwerden wie Fibromyalgie oder Erkrankungen mit zunehmender Bewegungsstarre können thematisch dazugehören.
• Schwierigkeiten, die Knie zu beugen.
• Das Leben scheint nicht mehr zu fließen.
Wie die Pflanze saugen diese Menschen zunächst alles Leid tief in sich auf. Irgendwann schließen sie sich vollständig. Es entsteht eine harte, undurchdringliche Grenze – wie ein Kallus –, die jeden Fluss blockiert. Bewegung verschlechtert häufig die Beschwerden; Ruhe kann vorübergehend erleichtern. Das Leben steht still.
Viele fühlen sich alt, müde und erschöpft, zeigen jedoch gelegentlich kurze Phasen intensiver Aktivität. Gleichzeitig erleben sie eine tiefe Einsamkeit, die bis zu Selbstverletzungen führen kann.
Die heilende Botschaft von Selaginella liegt in der Fähigkeit zur Metamorphose. Wie die Auferstehungspflanze sich nach dem Regen wieder entfaltet, kann auch der Mensch lernen, sich aus seiner Erstarrung zu lösen. Dazu gehört, Vergangenes loszulassen, vergeben zu können – auch sich selbst –, und Ja zur Veränderung zu sagen.
Selaginella steht für den Übergang vom bloßen Überleben zum wirklichen Leben. Sie symbolisiert das Sterben alter Muster und die Wiedergeburt einer neuen Lebendigkeit. Selbst am Rand des Todes bleibt die Möglichkeit einer tiefen inneren Verwandlung bestehen. Das Leben wird wieder als unerschöpfliche Quelle erfahren. Was lange eingerollt und verkrampft war, beginnt sich zu entrollen, zu entwirren und schließlich frei zu werden.
Anne Schadde
Heilpraktikerin
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