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(Anne Schadde im Interview mit Heidi Brand)
H: Im Rahmen unseres Buches Die Pioniere der Homöopathie im 21. Jahrhundert möchte ich mit Dir über Samuel Hahnemanns Organon sprechen. Für mich ist es das wichtigste Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat. Was bedeutet das Werk für Dich?
A: Für mich ist das Organon ein Buch der Geheimnisse. Ich möchte verstehen, was sich hinter Worten, Begriffen und den Erscheinungen des Lebens verbirgt. Auch in der täglichen Praxis versuchen wir, einen Patienten nicht nur oberflächlich, sondern auf einer tieferen Ebene zu erkennen.
Neben seinen sachlichen Anweisungen enthält das Organon mystische und alchemistische Begriffe. Sie sind jedoch so zurückhaltend eingearbeitet, dass sie sich nur erschließen, wenn man sich dem Werk aufmerksam und differenziert nähert.
Schon der Begriff Organon ist bedeutsam. Er bezeichnet ein Werkzeug der Argumentation und des systematischen Denkens. Das Werk ist ein Grundlagenbuch mit präzisen Anweisungen für die praktische Arbeit. Äußerlich wirkt es beinahe juristisch: Es besteht aus Paragraphen, langen Sätzen und einer heute schwer zugänglichen Sprache. Hinter dieser strengen Form verbirgt sich jedoch ein lebendiger geistiger Weg.
Die Zeitqualität des Organon
Um Hahnemann zu verstehen, müssen wir die Zeitqualität seiner Epoche betrachten. Das Organon entstand im Zeitalter der Aufklärung. Nach Feudalherrschaft, Absolutismus und medizinischen Spekulationen sollten Vernunft, Beobachtung und selbstständiges Denken an die Stelle von Autorität und blindem Glauben treten.
Hahnemann musste sich von den überlieferten medizinischen Theorien und teilweise schädlichen Praktiken seiner Zeit distanzieren. Gleichzeitig bewegte er sich mit der Homöopathie auf dem Boden alter Weisheiten und geistiger Traditionen. Darin lag vermutlich ein innerer Konflikt: Er wollte ein unsichtbares, dynamisches Heilprinzip beschreiben, musste es aber in eine möglichst rationale und wissenschaftlich nachvollziehbare Form bringen.
Auch unsere heutige Zeit stößt zunehmend an die Grenzen eines ausschließlich materiellen Weltverständnisses. Wir übertragen Bilder und Informationen unsichtbar, speichern Daten in einer „Cloud“ und arbeiten ständig mit Wirkungen, die das Auge nicht unmittelbar erfassen kann. Gleichzeitig faszinieren viele Menschen Geschichten über eine Welt hinter der sichtbaren Welt.
Diese Sehnsucht nach dem Geist hinter der Materie macht das Organon für mich im 21. Jahrhundert besonders aktuell. Hahnemann spricht von Bewegung, Dynamik und dem Geistartigen. Das Werk kann deshalb auch heute lebendig werden.
Mein Wunsch ist es, besonders in jungen Homöopathen ein Feuer zu entfachen und Freude an der Lektüre des Organon zu wecken. Es zeigt uns einen Weg, erkrankte Menschen durch die Schwierigkeiten ihres Lebens zu begleiten und dabei das Licht der Hoffnung aufrechtzuerhalten.
Von der rationellen Heilkunde zur Heilkunst
H: Ursprünglich nannte Hahnemann sein Werk Organon der rationellen Heilkunde. Später wurde daraus das Organon der Heilkunst. Was drückt diese Veränderung aus?
A: Der Begriff rationell bedeutete für Hahnemann vor allem zweckmäßig und sinnvoll. Er wollte eine Medizin entwickeln, die dem Patienten tatsächlich hilft und sich von spekulativen Verfahren wie dem häufigen Aderlass unterscheidet, durch den viele Kranke zusätzlich geschwächt wurden.
Bereits mit der zweiten Auflage von 1819 änderte Hahnemann den Titel in Organon der Heilkunst. Diese Entwicklung zeigt sich im gesamten Werk.
Das Organon selbst ist organisch gewachsen. Es wurde über mehrere Auflagen hinweg verändert und weiterentwickelt. Es ist daher kein statisches Buch, sondern ein Werk in Bewegung. Auch darin liegt eine seiner Botschaften: Heilen und Erkennen sind Entwicklungsprozesse.
„Aude sapere“ – selbst denken lernen
Über dem Werk steht der Wahlspruch „Aude sapere“: Wage es, weise zu sein, oder im Sinne der Aufklärung: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Diese Aufforderung ist für Homöopathen bis heute von Bedeutung. Hahnemanns Forderung, man solle es ihm genau nachmachen, bedeutet für mich nicht, seine Aussagen gedankenlos zu wiederholen. Man soll vielmehr das tun, was er selbst tat: beobachten, prüfen, fragen und eigenständig denken.
In Hahnemanns Zeit war Wissen über geistige Zusammenhänge teilweise in Geheimbünden bewahrt worden. Deshalb habe ich mich gefragt, ob auch Gedanken der Freimaurerei im Organon nachwirken. Dabei geht es mir nicht um eine Logenzugehörigkeit, sondern um geistige Prinzipien wie Selbsterkenntnis, Freiheit, Entwicklung und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen.
Die Kette der Paragraphen
H: Wie ist die innere Logik der Paragraphen aufgebaut?
A: Die ersten drei Paragraphen enthalten das Fundament des gesamten Organon. Hahnemann beginnt in § 1 mit der Aufgabe des Arztes:
„Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“
In § 2 erklärt er, was unter Heilung zu verstehen ist. Er spricht vom höchsten Ideal der Heilung, das schnell, sanft und dauerhaft auf dem kürzesten, zuverlässigsten und möglichst nachteilsfreien Weg erreicht werden soll.
§ 3 beschreibt drei Voraussetzungen des ärztlichen Handelns:
- zu erkennen, was am Patienten zu heilen ist,
- die Heilkräfte der Arzneien zu kennen,
- Arznei und Krankheitsfall individuell aneinander anzupassen.
Am Ende des dritten Paragraphen steht der echte Heilkünstler. Damit beschreibt Hahnemann in den ersten drei Paragraphen den Weg vom Arzt zum Heilkünstler.
Die Paragraphen sind wie Glieder einer Kette miteinander verbunden. Ein Gedanke wird im folgenden Paragraphen aufgenommen, vertieft oder aus einer neuen Perspektive betrachtet. Auch der Übergang zu § 4 ist bereits in § 3 verborgen: Der Arzt müsse die Hindernisse der Genesung erkennen und beseitigen. § 4 greift diesen Gedanken auf und behandelt die Dinge, die Gesundheit stören, Krankheit erzeugen oder aufrechterhalten.
Heilkunst, Spiel und Perspektivwechsel
H: Was unterscheidet die Heilkunst von bloßem medizinischem Wissen?
A: Kunst hatte früher vor allem mit Können zu tun. Heute verstehen wir darunter auch einen kreativen Prozess. Zur Heilkunst gehören daher nicht nur Fachwissen und handwerkliche Übung, sondern ebenso Wahrnehmung, Intuition, Freiheit und Kreativität.
Für mich gehört auch das Spiel dazu. Spielen eröffnet einen freien Raum, in dem Neues entstehen kann. Kinder entwickeln sich im Spiel; Erwachsene haben diese Fähigkeit häufig verloren. Auch der Künstler braucht das Spielerische, um andere Möglichkeiten wahrzunehmen.
Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer 180-Grad-Drehung: Man betrachtet eine Situation von der entgegengesetzten Seite. In der Praxis kann dieser Perspektivwechsel einem Patienten helfen, Abstand zu gewinnen und seine Lebenssituation neu zu verstehen. Auch das Organon erschließt sich leichter, wenn man es nicht nur wörtlich, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln liest.
Beobachtung und Erfahrung
Das Organon bleibt aktuell, weil Hahnemann seine Erkenntnisse aus Beobachtung und Erfahrung entwickelte. Er untersuchte natürliche Krankheitsverläufe und stellte unterschiedliche Erkrankungen in Beziehung zueinander. Dabei erkannte er, dass ähnliche Krankheiten einander beeinflussen können.
Aus solchen Beobachtungen leitete er das Ähnlichkeitsgesetz ab. Homöopathie ist deshalb für mich Erfahrungsheilkunde und Erfahrungswissenschaft. Ihre Grundhaltung lautet: Glaube nicht nur, sondern beobachte, erfahre und denke selbst.
Hahnemanns Besonderheit lag nicht allein darin, einzelne Vorgänge zu sehen. Er erkannte die Gesetzmäßigkeit hinter der Beobachtung. Dazu benötigte er Geduld, Wissen und vermutlich auch Intuition.
Der vorurteilslose Beobachter
In § 6 spricht Hahnemann vom vorurteilslosen Beobachter, nicht von einem vollkommen vorurteilsfreien Menschen. Vollständige Vorurteilsfreiheit ist kaum möglich. Entscheidend ist, die eigenen Vorannahmen bewusst wahrzunehmen und sie möglichst loszulassen.
Vorurteilslosigkeit verlangt daher Bewusstheit, Selbsterkenntnis und den Verzicht auf vorschnelle Bewertung. Der Homöopath betrachtet Symptome, Lebenssituationen und Beziehungen des Patienten, ohne sie sofort in ein vorgefertigtes Erklärungssystem einzuordnen.
Hahnemann spricht außerdem von der Gestalt der Krankheit. Diese Gestalt besteht nicht nur aus einer Diagnose oder einzelnen Beschwerden. Der Mensch drückt sie mit seinem gesamten Sein aus: durch Haltung, Bewegungen, Gesten, Sprache, Beziehungen, Lebensprobleme und seine individuelle Art, Krankheit zu erleben.
In § 7 bezeichnet Hahnemann das sichtbare Krankheitsbild als ein nach außen reflektiertes Bild des inneren Wesens der Krankheit. Für die Homöopathie ist daher nicht nur wichtig, welchen Namen eine Erkrankung trägt, sondern wie sie im Inneren des einzelnen Menschen erlebt wird.
Das innere Wesen der Arznei und das Ähnlichkeitsprinzip
Auch bei den homöopathischen Arzneien geht es darum, ihr inneres Wesen zu erkennen. Damit ist nicht nur die materielle Beschaffenheit des Ausgangsstoffes gemeint, sondern das charakteristische Wirkungsbild, das eine Substanz beim Menschen hervorrufen kann.
Dieses Wirkungsbild wird durch die homöopathische Arzneimittelprüfung erforscht. Gesunde Prüfer nehmen eine potenzierte Arznei ein und beobachten sorgfältig, welche Veränderungen sich auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene zeigen. Aus der Gesamtheit dieser Beobachtungen entsteht das individuelle Arzneimittelbild.
Das Ähnlichkeitsprinzip bildet die Grundlage für die spätere Anwendung:
„Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.“
Eine Arznei wird demnach nicht allein aufgrund einer Krankheitsdiagnose ausgewählt. Entscheidend ist vielmehr, ob das charakteristische Bild, das die Arznei beim gesunden Menschen hervorrufen kann, dem individuellen Krankheitsbild des Patienten möglichst ähnlich ist.
Dabei geht es nicht darum, einzelne Symptome oberflächlich miteinander zu vergleichen. Gesucht wird eine Übereinstimmung in der gesamten Gestalt und Dynamik des Geschehens: Welche Beschwerden treten auf? Wie werden sie erlebt? Wodurch werden sie besser oder schlechter? Welche körperlichen, seelischen und geistigen Besonderheiten prägen den Fall?
Das innere Wesen der Krankheit und das innere Wesen der Arznei sollen einander möglichst genau entsprechen. Je charakteristischer diese Ähnlichkeit ist, desto gezielter kann die Arznei nach homöopathischem Verständnis einen Reiz auf die Lebenskraft ausüben.
Dynamis und Lebenskraft
Ein Schlüsselbegriff des Organon ist die Dynamis, die Lebenskraft. Das griechische Wort bezeichnet ein Vermögen, Veränderung hervorzubringen. Die Dynamis ist daher kein unbeweglicher Zustand, sondern ein Prinzip der Bewegung und Entwicklung.
In § 9 beschreibt Hahnemann den gesunden Zustand des Menschen. Er spricht bewusst nicht von einer unveränderlichen Gesundheit. Gesundheit ist ein Augenblick dynamischer Ordnung, in dem die geistartige Lebenskraft den Organismus in einem harmonischen Lebensgang hält.
Körper, Psyche und Lebensenergie lassen sich für mich als drei ineinandergreifende Bereiche darstellen. Die Dynamis wirkt auf Körper und Psyche ein. Gerät sie aus dem Gleichgewicht, können körperliche oder seelische Symptome entstehen.
Die homöopathische Arznei soll deshalb einen dynamischen Reiz setzen. Sie richtet sich nicht nur gegen ein einzelnes Symptom, sondern soll die Selbstregulation des Organismus anregen.
Arzneimittelprüfung und „Erkenne Dich selbst“
Hahnemann ließ potenzierte Arzneien von gesunden Menschen einnehmen, um ihre Wirkungen auf Körper, Empfindungen, Gedanken und Gemütszustände zu beobachten. Auf diese Weise entstand die homöopathische Arzneimittelprüfung.
Der Prüfende beobachtet dabei nicht nur die Arznei, sondern lernt auch sich selbst genauer kennen. In einer Fußnote zu § 141 verweist Hahnemann auf den alten Grundsatz:
„Erkenne Dich selbst.“
Selbsterkenntnis bedeutet zunächst nicht, sich zu verbessern oder zu verurteilen. Es geht darum, wahrzunehmen, was ist. Durch diese Erkenntnis wird der Mensch zum Beobachter ausgebildet.
Auch der Heilkünstler muss deshalb selbst einen Weg der Individualisierung gegangen sein. Nur wer ein gewisses Maß an innerer Freiheit erworben hat, kann sich auf gesunde Sinne, Unbefangenheit und eigenständiges Urteil verlassen.
Heilung statt Unterdrückung
Krankheit zeigt sich nach diesem Verständnis zuerst als Störung auf der dynamischen Ebene und erst danach in Körper und Psyche. Deshalb genügt es nicht, äußere Symptome lediglich zu beseitigen.
Wenn ein Symptom unterdrückt wird, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass auch die innere Störung verschwunden ist. Nachhaltige Heilung soll vielmehr dazu führen, dass die Lebenskraft in einen gesünderen Zustand gelangt und die Symptome dadurch nicht länger benötigt werden.
Das Beispiel Belladonna verdeutlicht das Ähnlichkeitsprinzip: Die Tollkirsche kann in materieller Form unter anderem einen roten Kopf, Hitze, Trockenheit und Beschwerden im Hals hervorrufen. Zeigt ein fieberndes Kind ein ähnliches Symptombild, kann potenziertes Belladonna nach homöopathischer Auffassung einen Reiz setzen, der die eigene Heilreaktion des Organismus anregt.
Dahinter steht die Überzeugung, dass der Organismus grundsätzlich auf Regeneration und Entwicklung ausgerichtet ist. Allerdings gibt es auch Heilungshindernisse. Belastende Lebensumstände, anhaltender Kummer oder Verdruss können eine Genesung erschweren und chronische Prozesse aufrechterhalten.
Miasmen und chronische Krankheit
Bei der Beschäftigung mit chronischen Erkrankungen entwickelte Hahnemann die Lehre von den Miasmen. Er unterschied vor allem Psora, Sykosis und Syphilis.
Im hier vertretenen Verständnis bezeichnen diese Begriffe nicht nur materielle Krankheitserreger, sondern tiefer liegende dynamische Belastungen oder Verunreinigungen der Lebenskraft. Sie können erworben oder über Generationen weitergegeben werden und beeinflussen die Empfänglichkeit für bestimmte Erkrankungen.
Entscheidend bleibt jedoch: Auch eine ererbte Belastung ist nicht zwangsläufig unveränderbar. Die Dynamis bleibt die wesentliche Schaltstelle und damit grundsätzlich entwicklungsfähig.
Individualisierung in § 83 und § 153
Für die praktische Arbeit sind besonders § 83 und § 153 wichtig.
In § 83 beschreibt Hahnemann die individualisierende Untersuchung des Krankheitsfalles. Sie verlangt vom Heilkünstler Unbefangenheit, gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen.
Auch das Wort Untersucher ist bedeutsam: Der Homöopath soll gleichsam unter die Oberfläche suchen. Dabei muss er nicht jede Einzelheit aus dem Leben eines Patienten übernehmen, sondern das für den jeweiligen Fall Wesentliche erkennen.
§ 153 beschreibt die Auswahl des passenden Heilmittels. Entscheidend sind die auffallenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und charakteristischen Zeichen und Symptome. Gerade das, was sich nicht leicht allgemein erklären lässt, weist häufig auf die Individualität des Menschen hin.
In meiner langjährigen Praxis frage ich deshalb immer wieder: Wo zeigt sich das wirklich Eigene und Einmalige dieses Patienten? Wenn ein Mensch sich in seiner Individualität verstanden und gespiegelt fühlt, kann bereits dadurch ein Entwicklungsprozess beginnen.
Hahnemann nimmt den Leser Schritt für Schritt an die Hand, lässt ihn aber zugleich frei. Das ist eines der Geheimnisse des Organon: Jeder Satz kann neu befragt und in einer anderen Lebensphase erneut verstanden werden.
Selbsterkenntnis und der höhere Zweck
In der Symbolik der Freimaurerei wird der Mensch als ein unbehauener Stein verstanden. Durch Selbsterkenntnis bearbeitet er seine Ecken und Kanten, um am großen Bauwerk der Menschheit mitzuwirken.
In diesem Sinn kann auch eine homöopathische Behandlung als Arbeit an der persönlichen Entwicklung verstanden werden. Heilung bedeutet dann nicht nur Wohlbefinden. Hahnemann spricht in § 9 davon, dass sich der vernünftige Geist des gesunden Organismus zum höheren Zweck unseres Daseins bedienen kann.
Er schreibt nicht vom höheren Wohl, sondern vom höheren Zweck. Der Mensch soll seine Kräfte nicht nur für sich selbst nutzen, sondern durch seine Entwicklung auch zum Ganzen beitragen.
Aus dieser Überzeugung stammt mein Satz:
„Das, was auf geistigen Prinzipien beruht, kann niemals zerstört werden.“
Äußere Formen können angegriffen oder vernichtet werden. Ein geistiges Prinzip kann jedoch weiterwirken. Deshalb fürchte ich nicht, dass die Homöopathie vollständig verschwinden könnte. Sie wird sich wandeln, denn auch Wissenschaft, Materie und Bewusstsein befinden sich in ständiger Veränderung. Wandlung führt zur Weiterentwicklung.
Arzneimittelprüfungen im Geist der Zeit
Hahnemann untersuchte die Themen seiner Epoche. Er prüfte etwa Chinarinde, Mercurius und Lycopodium, weil diese Stoffe in der damaligen Medizin eine besondere Rolle spielten. Er nahm überlieferte Aussagen nicht einfach hin, sondern stellte Fragen.
In dieser Tradition fragte auch ich: Was kennzeichnet unsere Zeit?
Daraus entstanden sieben Arzneimittelprüfungen. Die erste galt dem Ozon, das in den 1990er-Jahren durch die Schädigung der Ozonschicht und die Belastung bodennaher Luft ein wichtiges Zeitphänomen war. Mich interessierte nicht nur seine materielle, sondern auch seine energetische Bedeutung.
Es folgte Lithium, das bei manisch-depressiven Erkrankungen eingesetzt wurde, homöopathisch jedoch wenig erforscht war.
Bei der Beschäftigung mit Hahnemanns Causticum erkannte ich einen alchemistischen Herstellungsprozess. Daraus entstand die Suche nach einer Substanz, bei der sich Materie und Energie in einem besonderen Augenblick trennen. Wir entschieden uns für Adlerholz oder Oud. Es wurde in dem Moment verrieben, in dem das glimmende Holz seinen Duft freisetzte.
Die Kaurischnecke (Cypraea) wurde um das Jahr 2000 geprüft, als in Europa der Übergang von der D-Mark zum Euro bevorstand. Die Kauri war ein frühes Zahlungsmittel und stellte für mich einen Zugang zum Phänomen Geld dar.
Meine letzte Prüfung galt 2009 dem Turmalin, dem Edelstein des Regenbogens. In ihm sind Licht und Farben verborgen. Die Prüfung knüpfte an Goethes Bilder einer neuen Zeit und einer Brücke in die Zukunft an.
So versuche ich, die Tradition Hahnemanns fortzuführen und zugleich auf den Zeitgeist des jeweiligen Augenblicks zu antworten.
Freude, Evolution und Licht
Für die tägliche Arbeit mit kranken Menschen und für die Weiterentwicklung der Homöopathie ist Freude eine wesentliche Voraussetzung.
Jede Generation steht auf den Schultern der vorhergehenden und kann deshalb weiter sehen. Schüler und Kinder sollen nicht lediglich wiederholen, was ihre Lehrer wussten, sondern darauf aufbauen und neue Entdeckungen machen. Dieser Evolutionsgedanke erfüllt mich mit Freude.
Schillers „Ode an die Freude“ beschreibt Freude als einen Götterfunken, als geistige Kraft, die Menschen über ihre Unterschiede hinweg verbindet. In ihr begegnen sich die Ideale der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Damit schließt sich der Kreis zu Hahnemanns Zeit. Damals wie heute manifestiert sich der Geist durch Menschen, die beobachten, selbst denken und dem Licht des Lebens vertrauen.
Das Organon ist deshalb für mich kein abgeschlossenes Lehrbuch. Es ist ein lebenslanger Begleiter und eine Einladung, immer wieder neu zu fragen, zu erkennen und sich weiterzuentwickeln.
Das Prinzip des Lichtes wird siegen.
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