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Im August 1997 führte mich eine Reise auf die andere Seite der Welt. In sechs Städten Australiens und Neuseelands durfte ich Seminare geben, Kollegen treffen und tief in die Kultur und Natur dieser fernen Länder eintauchen. Diese Reise wurde für mich zu einem Wegweiser für das, was ich die „Tanzlektionen des Lebens“ nenne.

Einblicke in den australischen Alltag

Die Gemeinschaft der Homöopathen in Australien ist klein, aber leidenschaftlich. Da die Städte weit auseinanderliegen, ist der Austausch kostbar. Besonders interessierte die Kollegen die Situation in Deutschland – dem Geburtsland Hahnemanns – sowie meine klinischen Erfahrungen. Da australische Häuser kaum isoliert sind, war es drinnen oft kälter als draußen. Während ich als verwöhnter Mitteleuropäer fröstelte, passten sich die Einheimischen mit dicken Lammfell-Ugg-Boots und mehreren Wollpullovern an. Mein Wunsch war es, während der Reise bei Kollegen zu leben, um das Land und seine Menschen authentisch kennenzulernen.

Heilung durch Ähnlichkeit: Eine neue „Songline“

In Perth wohnte ich bei Barbara Swingler und ihrem Mann, einem Pionier der Jung’schen Psychoanalyse. Er erzählte mir von einem Projekt in Alice Springs, das tief im homöopathischen Ähnlichkeitsprinzip wurzelt. Die Aborigines leiden unter massiven Alkoholproblemen, die durch den Kontakt mit der westlichen Welt entstanden sind.

In der Kultur der Ureinwohner spielen die „Traumpfade“ eine zentrale Rolle. Wie Bruce Chatwin in seinem Roman beschreibt, sind dies die unsichtbaren labyrinthischen Wege, die den Kontinent durchziehen. Der Schöpfungsmythos besagt, dass die Ahnen auf diesen Pfaden wanderten und mit ihren Liedern – den Songlines – die Welt erschlossen. Bevor die weißen Einwanderer kamen, kannten die Aborigines keinen Alkohol; daher gab es in ihren Songlines keine Geschichten darüber, um ihre Kinder vor den Gefahren zu warnen.

Gemeinsam mit Psychologen entwickelten die Ältesten eine „neue Songline“ auf Basis des Mythos von Dionysos, der antiken Gestalt des Weines und der Fruchtbarkeit. Dionysos, oft mit dem efeu- und rebenumkränzten Thyrsosstab dargestellt, steht für eine Urgewalt, die auch die Kunst faszinierte – man denke an Michelangelos Skulptur des „Trunkenen Bacchus“. In seinem ekstatischen Kult zerrissen seine Verehrerinnen, die Mänaden, in heiligem Rausch Tiere, um deren rohes Fleisch zu verzehren. Dieses Bild der totalen Hingabe und des gleichzeitigen Kontrollverlusts wurde zur Grundlage für ein Theaterstück, das als neue Songline in die Rituale der Aborigines aufgenommen wurde. Dieser Ansatz – Heilung durch die Konfrontation mit dem Ähnlichen – erinnert an Goethes Worte aus dem Faust (2. Teil, 1. Akt): „Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt; Fuß heilet Fuß, so ist’s mit allen Gliedern.“

Die Arznei des Augenblicks in Adelaide

In Adelaide versagte meine Stimme: Nach dem ersten Seminartag war ich völlig heiser. Meine Kollegin Bronwyn Marks gab mir den entscheidenden Impuls: War diese Heiserkeit vielleicht Ausdruck von „Heimweh“ – dem Kranksein durch die Distanz zur Heimat? Eine Gabe Capsicum in einer LM-Potenz wirkte Wunder. Innerhalb weniger Stunden kehrte meine Stimme zurück. Homöopathische Tanzlektionen mitten im australischen Winter.

In der Schatzkammer der Homöopathie: Wellington

In Neuseeland besuchte ich Julian Winston, einen begnadeten Historiker der Homöopathie. Besonders berührte mich ein Satz aus dem Vorwort des Organon von 1810: Hahnemann betont dort, dass der vorurteilsfreie Arzt durch seinen unermüdlichen Eifer eine Form von schöpferischer Spiritualität ausübt und sich der universellen Urkraft des Lebens annähert. Julian besaß zudem historische Arzneien, die über hundert Jahre alt waren und noch immer wirkten – ein Beweis für ihn, dass Materielles dem Immateriellen nichts anhaben kann.

Pioniergeist und die Stille des Riffs

In Brisbane traf ich Homöopathen, die auf Farmen lebten und ihre Tiere homöopathisch behandelten. Einen meditativen Höhepunkt bildete ein Tauchgang am Great Barrier Reef. Die Erfahrung der Schwerelosigkeit unter Wasser spiegelte die Symptome wider, die wir durch die Arzneimittelprüfung der Kauri-Schnecke (Cypraea eglantina) kennengelernt hatten. (Diese Arbeit wurde von mir unter dem Titel „Cypraea eglantina, Kauri-Schnecke, Eine homöopathische Studie“, Verlag Müller & Steinicke, München 2002, veröffentlicht). Es war das Gefühl, einem völlig anderen Reich anzugehören, in dem gewohnte Kommunikation nicht mehr existiert.

Den Abschluss bildeten Tage in Atherton. In der subtropischen Wärme des Regenwaldes schloss sich der Kreis meiner Reise. Ich kehrte mit tiefer Dankbarkeit zurück – für die Erkenntnis, dass das Reisen an fremde Orte letztlich eine Schule für das Verständnis des Lebens und der großen Zusammenänge unserer Existenz ist.

Anne Schadde

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Anne Schadde
Heilpraktikerin
Nymphenburger Str. 122
80636 München

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