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Interview am 26.11.2017 Heidi Brand und Anne Schadde

Die Kunst der Homöopathie

H: Guten Morgen.

H: Im Rahmen unseres Buches „Die Pioniere der Homöopathie im 21. Jahrhundert“ möchte ich heute mit Dir über das Organon von Samuel Hahnemann sprechen. Für mich ist es das wichtigste Testament, das Hahnemann uns hinterlassen hat, und ich hatte vor ein paar Jahren die Ehre, Deinem Unterricht im Homöopathie Forum in Gauting beiwohnen zu dürfen. Ich hatte schon 25 Jahre Praxis hinter mir und ich war doch tief beeindruckt über Dein Verständnis, über Deine Sicht dieses großen Werkes. Nun komme ich zu meiner ersten Frage: Was ist das Organon?

A: Nun da muss ich beginnen damit, dass ich mich in all den Jahren, schon 1993 beginnend, mit dem Organon beschäftigt habe. Damals hielt ich einen Vortrag in Köthen über Hahnemann und das Organon. Damals versuchte ich, zu verstehen, was ist hinter dem Organon? Es wirkt als ein relativ langweiliges Werk mit unendlich langen Sätzen in einer schwierigen alten deutschen Sprache geschrieben. So beschäftigte ich mich zuerst mit dem Zeitgeist der damaligen Zeit, in der Hahnemann das Organon schrieb. Es war die Zeit der Aufklärung nach Feudalherrschaft und Absolutismus des Mittelalters, nach den Spekulationen in der medizinischen Behandlung. Hahnemann musste und wollte sich von all den Spekulationen absetzen. Daher wählte er den Begriff Organon über sein Werk. Schon Aristoteles verwendete das Wort Organon, um ein logisches Hilfsmittel, ein Werkzeug der Argumentation und des systematischen Aufbaus der Wissenschaften zu bezeichnen. So ist das Organon aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen, hat aber natürlich Gültigkeit bis heute. Nur: was ist „hinter“ dem Organon, das war und ist das, was mich faszinierte. So ist es bis heute mein Anliegen, dass sich jeder Homöopath mit dem Organon beschäftigt. Ich versuche, dieses Feuer in jedem jungen Homöopathen zu entfachen.

H: Das wäre auch mein Wunsch, dass Homöopathen dieses Buch mit noch mehr Enthusiasmus lesen und auch so verstehen. Heute heisst das Organon: „Organon der Heilkunst“, hier habe ich es in der 6. Auflage. Was ich interessant finde, Jost Künzli schrieb in dieser Auflage: „Heute richtet sich die gesamte Homöopathie viel mehr nach Hahnemann, der wohl einer der größten Ärzte Deutschlands war, wenn nicht überhaupt der größte überhaupt.“ Also es heisst heute „Organon der Heilkunst“ und damals hiess es „Organon der rationellen Heilkunde“, also der rationellen Art zu heilen. Würdest Du mir dazu ein bisschen erzählen.

A: Die Heilkunde der damaligen Zeit entsprang natürlich all den Theorien und Mythen der Zeit, in der Hahnemann Arzt war. Rationell bedeutet zweckmässig, wie ist es sinnvoll, zu heilen. Es geht darum, wie wendet man die Heilkunde zweckmässig und sinnvoll am Patienten an. In der damaligen Zeit erhoben die Ärzte Theorien, z.B. der Hautausschlag ist eine Erkrankung des Blutes und man musste den Patienten zur Ader lassen, um das Blut zu reinigen, auch wenn dies den Patienten eher kranker als gesunder machte. Davon musste sich Hahnemann unterscheiden. Er ging damals in den Kampf mit der Ärzteschaft. Er ging dann aber von der ersten Auflage 1810 von der „rationellen Heilkunde“ bereits 1819 in der zweiten Auflage zum Begriff „Organon der Heilkunst“ über. Und warum, das erkennt man dann hernach im Text selbst. Denn das war die erste Frage, die ich mir stellte: Wieso geht er von der „Heilkunde" zur „Heilkunst“ über und nahm auch dann das Wort „rationell“ raus.

H: Es gibt auch noch weitere Auflagen, bis zur 6. Auflage, die viel später gedruckt wurde. Das Organon selbst ist ein Buch mit vielen Paragraphen nach 60 Seiten Einführung, Dieses Buch möchte ich jetzt mit Dir noch ein bisschen genauer anschauen, denn die Paragraphen zeigen wohl eine gewisse Logik. Bitte führe uns da ein bisschen ein, damit uns dies verständlicher wird.

A: Auch hier müssen wir wieder zur Zeitqualität, zum Zeitgeist damals zurückkommen. Es war die Zeit der Aufklärung, die Zeit der großen Menschen wie Goethe, Schiller, Mozart usw. Wie ich schon sagte, sie alle waren mit der Freiheit des Menschen beschäftigt. Immanuel Kant (1724-1804) definierte die Aufklärung mit dem Leitsatz „Habe mit, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Daher schrieb auch Hahnemann über sein Werk „Aude sauere“. Hahnemann begann mit „Aude“, d.h. traue Dich… Immanuel Kant sprach von „Sauere aude“. Kant bezeichnete 1784 „Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Muthes liegt, sich seines ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Dies bedeutet, bis zur Aufklärung trauten sich die einfachen Menschen nicht, alleine zu denken, für sie wurde gedacht, sie sollten nur glauben. Wenn auch nicht jedes neue Denken immer in einer Perfektion endete, aber zumindest ist es der Ansatz, sich zu trauen, selbst zu denken. Und dazu sind wir Homöopathen bis in die jetzige Zeit aufgefordert. Daher traute ich mich, neu zu denken nach der Anweisung Hahnemanns. Hahnemann sagt: „Macht es genau nach“, es geht also darum, genau nachzumachen „selbst zu denken“, so das Vermächtnis. So begann ich, mich mit den Paragraphen des Organon zu beschäftigen.

In der damaligen Zeit war natürlich noch die Angst unterschwellig vorhanden, die Angst vor dem Klerus und den schrecklichen Gräueltaten des Mittelalters. Daher war das geheime Wissen um die geistigen Dinge bei Geheimbünden der damaligen Zeit versteckt. Nun fand ich heraus, dass Hahnemann durch verschiedene Stationen in seinem Leben mit der Freimaurerei in Kontakt gekommen war. Ich fragte mich also: gibt es da Zusammenhänge, kann man durch das Erkennen der Gesetze der Freimaurerei das Organon lebendiger erschliessen? 
In diese Zeit fällt auch die Unabhängigkeitserklärung 1776 der Vereinigten Staaten, in der Verstand und Logik eine große Rolle spielen. Man kann auf dem 1-Dollar-Schein die Insignien der Freimaurer erkennen und sehen, dass die Freimaurer auch hier einen Einfluss hatten. Der Einfluss ging um die ganze Welt. Und so bin ich sicher, dass dieses geheime Wissen auch Hahnemann in der damaligen Zeit beeinflusst hat.

Also fragte ich mich, wie kann ich das Organon aus dem Blickwinkel der Freimaurerei verstehen?. Das ist doch eigentlich das Geschenk des „freien“ Menschen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen zu können. Die Menschen kommen zu uns, erzählen uns ihre Geschichte und das ist „ihr“ Blickwinkel. Aber wenn man in der Lage ist, etwas aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen, dann können die Dinge sich völlig neu entwickeln und verändern. So bin ich hergegangen und habe versucht, aus einem anderen Blickwinkel auf das Organon zu schauen.

Seit Pythagoras spielte der Rhythmus der Zahlen eine wichtige Rolle. Ich sah also, Hahnemann geht von § 1 bis zu § 3 einen Weg, der das gesamte Organon als Ganzes beschreibt. Dann erst kommen die Einzelheiten. Er beginnt damit: „Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“ Er beginnt mit der Definition des Heilens.

H: Das ist § 1.

A: Ja und mit dem Ende des § 1 geht er über zu § 2, was nun Heilung bedeutet. Dabei sah ich, dass die Paragraphen des Organon aneinander hängen, sie sind wie eine Kette aneinander gebunden. Die Bildung einer „Kette“, also die Verbindung von Menschen untereinander und natürlich hier bei den Paragraphen ist in der Freimaurerei von Bedeutung. Im Organon beginnt jeder neue Paragraph mit der Aussage des vorigen. Hinzu kommt, dass Hahnemann ganz präzise seine Worte gewählt hat, das ist natürlich typisch für die deutsche Sprache. So beginnt er zuerst im § 2 mit „Das höchste Ideal der Heilung“, damit steigert er dreifach: das Ideal der Heilung an sich ist schon eine Erhebung - dann das hohe Ideal - das höchste Ideal. Und dieses gesteigerte Ideal erfolgt nun “sanft, Schnell und dauerhaft“ auf dem „kürzesten, zuverlässigsten, umnachteiligsten Wege“. So fragte ich mich, welche Bedeutung hat die Zahl 3 im Organon, die schöpferische Zahl, Vater-Mutter-Kind auch die göttliche Zahl, das Dreieck bei dem der Ausgangspunkt der Eins über den zweiten Schritt zum dritten also dem Ausgangspunkt zurückgeführt wird, zu erkennen an der dreifachen Steigerung und an jeweils den drei Adjektiven der Definition der Heilung.

Und so geht es natürlich weiter, auch den § 3 teilt er auf in drei Schritte: zuerst gilt es im Patienten zu erkennen was ist das zu Heilende, im zweiten Teil geht es um die Erkenntnis der Arzneikräfte und im dritten Teil um die Anwendung im individuellen Fall, er benutzt präzise das Wort „anpassen“, wie ein Schuh der „ideal“ passt. Denn das war ja Hahnemann Kritik an der damaligen Medizin, viele Therapien machten keinen Sinn. Das war ja der erste Selbstversuch den Hahnemann mit der China-Rinde durchführte. Er fragte sich: wieso stärkt man den Magen mit Chinarinde bei Malaria? Hahnemann wollte immer wieder verstehen.

H: Hahnemann geht von Paragraph zu Paragraph mit einer gewissen Logik. Wenn er mit einem Gedanken in einem Paragraphen endet nimmt er diesen Gedanken im nächsten Paragraph auf und präzisiert ihn und vertieft ihn. Das durchzieht das gesamte Organon?

A: Ja, diesen Blick kann man nur aus der Perspektive des Beobachters erkennen. Und dies ist an sich schon die Aufgabe eines Homöopathen, ein Beobachter zu sein. Nun sah ich aber, dass er § 3 nicht mit dem Übergang zu § 4 endet. Denn er schliesst § 3 mit den Worten: „…so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein echter Heilkünstler.“ Damit beschreibt Hahnemann mit dem Anfang § 1 bis zum Ende von § 3 den Weg vom „Arzt zum Heilkünstler“. Daher auch das „Organon der Heilkunst“.

H: Was versteht man unter Kunst?

A: Ja diese Frage stellte ich mir auch, was ist nun Heilkunst? Wiederum dürfen wir die damalige Zeit nicht vergessen. Kunst hat was mit Können zu tun, es ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses, also der Prozess selbst. Daher gehört neben dem Handwerk, dem Wissen, auch Übung, Wahrnehmung und Intuition dazu. Für mich gehört das Spiel noch dazu, denn Spielen setzt Handlungsfreiheit und eigenes Denken voraus. Schiller schreibt in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen „Der wahre Künstler ist der, welcher im höchsten Sinne zu spielen versteht, geradeso wie ein Kind spielt. Er gibt dem Stoff damit ein höheres Sein, dadurch dass er mit ihm spielt. Der echte Künstler lebt, indem er aus diesem Spieltrieb heraus schafft…“

H: Und wie leitet Hahnemann über zu § 4, also weiter in der Kette?

A: Die Überleitung zu § 4 steht versteckt in § 3: „…kenne er endlich die Hindernisse der Genesung in jedem Fall und weiss sie hinwegzuräumen, damit die Herstellung von Dauer sei…“ Und damit beginnt dann § 4 mit den „die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge“ im Leben des Erkrankten.

H: Kannst Du das ein wenig ausführen? Das Organon als das Basiswerk des Homöopathen spricht alles an. Es ist bis heute genauso aktuell… Was lehrt und das Organon?

A: Das Organon macht uns Hahnemann Denkart klar, das Denken aus der Beobachtung heraus. An anderen Stellen berichtet Hahnemann von einander suspendieren Erkrankungen, dass z.B. die Masernerkrankung eines Kindes durch die damalige Kuhpockenimpfung aufgehalten bzw. unterbrochen wurde und umgekehrt. So führt er viele Beispiele an und definiert einander „ähnliche“ und ‚unähnliche“ Erkrankungen. Also setzt immer alles in einen Bezug zueinander, daher auch rationell, es geht darum, denn Sinn und Zweck zu erkennen. Und er begann damals schon mit einer Art Statistik, z.B. sprach er von 300 Fällen, in denen die eine Krankheit die andere suspendierten usw. Hahnemann hat also durch die Beobachtung der Natur die Heilgesetze gefunden. Er war konstant auf der Suche nach den Gesetzen der Heilung. Daher ist die Homöopathie eine Erfahrungsheilkunde, eine Erfahrungswissenschaft. Damit wieder das Thema der Aufklärung: glaube nicht nur, sondern erfahre und denke selbst.

H: Das Herausragendste bei Hahnemann war die Erfahrung, er war nicht nur intuitiv beobachtend, sondern er hat die Gesetzmässigkeit hinter der Beobachtung erkannt.

A: Ja, das war wirklich rationell denkend.

H: Das macht Hahnemann gross, die Verbindung aus der Geduld, Beobachtungsgabe, dem Wissen und vermutlich hat er auch noch eine Portion Intuition dazu. Das macht ein so grosses Werk komplett.

A: Von Hahnemann wurde berichtet, dass sein Vater ihn einsperrte in ein dunkles Zimmer, um ihn das Denken zu lehren. Damit hat Hahnemann gelernt, nach „Innen“ zu denken, eine Innenschau zu erfahren. Das ist die eigentliche Aufgabe bis heute, nämlich ein Leitwerk, und nicht nur was da drin geschrieben steht, sondern zu erkennen, das Werk der Erkenntnis.

H: Du sprachst von der präzisen Wortwahl, jedes Wort wurde vermutlich „geboren“, Du hast die Zahlensymbolik 3, die Kette genannt, Du erwähntest auch mal das Wort „vorurteilslos“ von § 6.

A: Ja was ist ein Vorurteil? Man liest das Wort und hinterfragt es nicht. Und das ist die Aufforderung an den Homöopathen, die Dinge zu hinterfragen: sowohl im Patienten als auch bei den homöopathischen Heilmitteln zu verstehen, was sind die geistigen Kräfte der Arzneien. Hahnemann sprach also in § 6 vom vorurteilslosen Beobachter und nicht vom vorurteilsfreien Beobachter. Es war ihm vermutlich bewusst, dass es die Vorurteilsfreiheit gar nicht gibt, sondern dass man immer ein Vorurteil hat und es „los“ werden muss. Aber dazu gehört natürlich „Bewusstheit“ und „Erkenntnis“ . Das machen wir bis heute im Alltag unserer Arbeit mit dem Patienten, wir schauen alle Themen, Probleme, Zufälle usw. von aussen an.

Auch spricht Hahnemann in § 6 von der „Gestalt der Krankheit“. Aus der Psychologie wissen wir, dass die Gestalt ein wesentlicher Ausdruck ist. Wir fragen uns: ist die Gestalt der Krankheit nicht nur intellektuell zu verstehen? und mit einem Namen zu versehen? sondern drückt der Mensch nicht mit seinem gesamten Sein, seinem gesamten Körper die Gestalt der Krankheit aus?

H: …in jedem Symptom…

A: ja und in jeder seiner Handlungen, in seinem Äußeren, in all seinen Lebenssituationen, in allen seinen Beziehungen, seinen Körperbewegungen, seiner Lebenssituation, seinen Lebensproblemen, seinen „Zufällen“, seinen Unfällen… Er sagt weiter in § 7: „…dieses nach aussen reflektierende Bild des innern Wesens der Krankheit…“ und genau dieses kann man nur beobachten, denn die Krankheit wird vom inneren Wesen nach aussen ausgedrückt. Der Name einer Erkrankung kann im Internet gegoogelt werden heute, aber wie die Krankheit im Inneren erlebt wird, ist für uns Homöopathen von Bedeutung. Er fordert uns auf, das „innere Wesen“ einer Erkrankung zu verstehen. Dasselbe gilt für die homöopathischen Arzneien, auch sie sind ja nicht materielle Substanzen, sondern „aus der Materie herausgehobenen Energien aus den verschiedenen Naturreichen“. Wenn wir nun die geistige Erkrankung des Patienten erkannt haben, dann können wir nur mit geistigen Arzneien heilen. Womit wir damit zu den homöopathischen Mitteln kommen, sie sind ab der C 12 oder D 24 nur noch Schwingung, Energie. Und damit zeigen die homöopathischen Mittel die „innere“ Wirkung der Substanzen jenseits der materiellen Bedeutung an. Denn gemäß unserem Leitsatz: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“ muss das „Innere Wesen der Krankheit“ dem „inneren Wesen der Arznei“ entsprechen. Daher hat Hahnemann auch nicht die „Zufälle“ im Leben ausgeschlossen. Das ist für uns Homöopathen von Bedeutung: Warum ist mir das „zugefallen“.

H: Hahnemann führt im Organon durch diese Gedankenwelt hindurch, nicht wahr? Hahnemann spricht im Organon von der „Lebenskraft“, er nennt sie Dynamis, wir sehen sie nicht, sie hält aber unseren Organismus zusammen. Das ist ja etwas ganz Ungewöhnliches.

A: Das Wort Dynamis ist nach der Philosophie des Aristoteles „das Vermögen einer Veränderung eines anderen Gegenstandes oder seiner Selbst zu bewirken.“ So hat es auch was mit Bewegung zu tun, was bedeutet: diese Dynamis bewegt den materiellen Körper. Damit ist die Lebenskraft kein statischer Zustand sondern eine Bewegung, die - so sagt Hahnemann in § 9 - den Organismus belebt. Logischerweise gibt es also auch keine statische Gesundheit, sondern § 9 berichtet vom „gesunden Zustande“. Das bedeutet, der Zustand ist ein Augenblick, nämlich der Augenblick in dem die geistartige Dynamis (hier verstärkt er auch noch das geistige Prinzip) den materiellen Körper in „bewundernswürdig harmonischem Lebensgange“ hält. Er sagt auch: diese geistartige Lebenskraft „verwaltet“ den Körper nur, d.h. der Körper wird verwaltet von einer geistartigen Kraft, die natürlich auch leicht wieder irritiert werden kann, denn Gefühle und Tätigkeiten sind nicht immer stabil, sondern sie können leicht irritiert werden. Das erklärt er hiermit: es gibt keinen immer gesunden Menschen, die Erfahrung machen wir ja auch, denn das Leben ist die Bewegung von Geburt bis zum Tod.

H: Seine Ärztekollegen in der damaligen Zeit waren davon aber nicht begeistert? Sie haben den Begriff Lebenskraft nicht mit einbezogen?

A: Das ist bis heute so. Ich zeichne in der Praxis drei Kreise, die ineinander greifen. Der erste Kreis ist der Körper, der zweite Kreis, der in den ersten hineingreift oder besser gesagt sich überschneidet, ist die Psyche (die ich hier trenne vom Körper obwohl sie dazu gehört)..

H: Sie lässt sich ja im Hypothalamus auch messen…

A: … sie greift in das körperliche Geschehen ein und beeinflusst den Körper massiv. Der dritte Kreis ist die Lebensenergie, die Lebenskraft, die Dynamis. Uns Homöopathen interessiert nun diese Dynamis, die sich auf Psyche und Körper ausdehnt und beide beeinflusst. Wie ich schon sagte, verwenden wir Mittel aus der Natur, die aber keine Natur mehr sind, sondern nur noch geistartige Nichtse, das heisst nur die aufgelöste, verdünnte, verschüttelte Energie, die Dynamik der Natursubstanzen.

H: Da sprichst Du eine Frage an, die ich Dir stellen wollte. Hahnemann hat nicht Kamille oder Gold oder Salz verschrieben. Er hat die Mittel verschüttelt und potenziert.

A: Die Verdünnung begann schon bei Paracelsus. Er sprach von „gradieren“, womit er meinte, „in die Luft zu bringen, d.h. die Arzneien in einen sehr feinen Zustand zu bringen (von gradus = schreiten, Grad, Schritt, Tritt, Stufe). Aber die Potenzierung war die kreative Arbeit Hahnemanns. Aber dadurch muss natürlich der Heilkünstler auch die Geistartigkeit der Arzneien verstehen. Dazu ist Hahnemann noch einen weiteren Schritt gegangen, nach Verreibung und Potenzierung hat er gesunde Menschen die potenzierten, von der Materie befreiten Arzneien einnehmen lassen, um die Wirkung jenseits des Substanziellen zu erkennen. Er hat nicht die materiellen Substanzen oder Arzneien getestet wie es heute in der Pharmazie gemacht wird sondern nur die aus der Materie heraus potenzierten Arzneien. Die Probanden sollten nun herausfinden, ob sie mit dem „Nichts“, d.h. mit der energetischen Substanz eine Wirkung auf Körper, Psyche und Energie erfahren. Für Hahnemann war dieser Prozess sehr wichtig, denn in der Fussnote zu § 141 spricht Hahnemann davon „Ferner wird er durch solche merkwürdige Beobachtungen an sich selbst, teils zum Verständnis seiner eignen Empfindungen, seiner Denk- und Gemütsart (dem Grundwesen aller wahren Weisheit: ERKENNE DICH SELBST), teils aber, was keinem Ärzte fehlen darf, zum Beobachter gebildet.“

Dieses Weisheitsworte „Erkenne Dich selbst“, die auf dem Tempel von Delphi standen, geben nur den Hinweis der Erkenntnis und nicht der Veränderung, Verbesserung sondern lediglich des Erkennens und durch Erkenntnis wird man zum Beobachter.

H: Wir haben jetzt einen großen Sprung gemacht. Hahnemann hat einen Text über die Chinarinde, die eingesetzt wurde bei Malaria, er hat damals gesagt: diese Chinarinde ist unheimlich giftig, aber was ist der „Geist“ der Chinarinde und würde nicht diese Information reichen, um den Organismus zu einer Heilung zu bewegen. Da ist ja in ihm ein Schritt passiert von der Ursubstanz zu einer C 30. Würdest Du nochmal diesen Schritt erklären? Warum wirkt vielleicht die potenzierte Arznei besser, sanfter und nachhaltiger als die Ursubstanz.

A: Hahnemann sagt, die Krankheit kommt immer aus dem ‚geistartigen‘ Bereich - wie wir bis jetzt gesehen haben - und zeigt sich nur in der Materie. Dieser gigantische Schritt muss zuerst verstanden werden. Daraus folgert, dass auch alle materiellen Substanzen dieser Erde einen geistartigen Hintergrund haben. Daher kann auch nur das Geistartige die Lebenskraft heilen…

H: nachhaltig heilen! nicht nur Symptome wegmachen!

A: Genau, denn die Symptome können verschwinden wenn die Lebenskraft in einen gesunderen Zustand kommt. Denn wenn Symptome im Aussen weggedrückt werden heisst es noch lange nicht, dass sie im Innen auch weg sind. Das sehen wir in unserer täglichen Praxis. Man kann die Symptome im aussen wegdrücken, nur sie sind nicht wirklich verschwunden, weil sie nicht aus dem energetischen Bereich verschwunden sind.

H: Ich reite darauf rum, weil das das A und O der Homöopathie ist. Heute beginnt man durch die Quantenphysik diese Vorgänge auch wissenschaftlich zu erklären. Es war also genial von Hahnemann zu sagen: die Erkrankung liegt auf einer anderen Ebene, auf einer anderen Schwingung, also im Geistartigen und da müssen wir mit der Heilung ansetzen. Und weiter: wir müssen dem Menschen nicht giftige Ursubstanzen zufügen wie Digitalis und Belladonna. Wir können das Gift aus den Substanzen herausnehmen und können die Information arbeiten lassen.

A: Ja ich verwende ein Beispiel mit Belladonna oft, um das homöopathische Prinzip zu erklären: wenn man eine Tollkirsche essen würde, dann bekommt man roten Kopf, erstickendes Gefühl im Hals usw. (das sind die Vergiftungssymptome). Nun kommt eine Mutter mit einem Kind, dass nass und kalt geworden ist und nun hohes Fieber (roter Kopf), Halsschmerzen usw hat, dann kann in dem Fall die potenzierte Tollkirsche (Belladonna) helfen. Das Kind hat natürlich nichts zu tun mit der Tollkirsche noch kennt es sie, aber es zeigt das Bild ..als ob… es die Tollkirsche gegessen hätte. Was passiert in dem Moment? Der Organismus erkennt in dem Moment: aha, was ist denn das? Die Information von etwas „Ähnlichem“.

H: Natürlich hatte Hahnemann Kenntnis von Aristoteles und den alten Weisheiten, so wie wir uns heute auch der Informationen, die bereits vorhanden sind, bedienen. Aber Hahnemann Pioniergeist war: die Krankheit ist auf einer geistigen Ebene und dort soll Heilung passieren. Wir müssen nicht die Gifte anwenden sondern wir bewegen uns auf einer anderen Ebene als Heilkünstler wenn wir das zu Heilende im Patienten erkennen und umsetzen können in eine heilende potenzierte Arznei. Wir stimulieren damit den Körper, denn damit passiert nachhaltige Heilung ohne Nachteile ohne dass man den Körper vergiftet mit der Arznei.

A: In der damaligen Zeit setzte man Reize ein, um den Körper zu aktivieren. Das ist natürlich auch die Idee der Homöopathie…

H: ….aber auf einer ganz anderen Ebene.

A: ja damals hat man zur Ader gelassen, um zu hoffen, das dieser Reiz den Organismus heilen könnte. In der Homöopathie setzen wir auch einen Reiz, aber auf einer geistigen Ebene, d.h. einen geistartigen Reiz. Wie ich schon vorhin sagte: wenn das Kind bei der fieberhaften Halsentzündung nun Belladonna C 30 bekommt, ist der Organismus durch den Reiz aufgewacht und kann reagieren. Er muss also auf der geistigen Ebene angestossen werden, um die heilenden Kräfte einzusetzen. Damit sagt Hahnemann noch etwas Fundamentaleres: der Organismus ist immer an Heilung interessiert. Der Mensch ist - so sage ich es gerne - ein Lichtwesen, er ist immer hin zum Licht, zur Heilung, zum Guten orientiert. Das war auch vermutlich Hahnemanns höhere geistige Schau.

H: Wenn man es mit anderen Worten heute ausdrücken würde: Wenn der Computer überlastet ist, dann sagt der Techniker „fahren Sie ihn runter“ oder machen ein reset und lassen sie ihn ausruhen. Hahnemann glaubte an die Intelligenz der eigenen Organisierung und das es ganz wenig braucht auf dieser immateriellen Ebene, damit der Organismus sich wieder aufrichten kann. Er war also ein großer Befürworter dafür, dass der Organismus sich aufstellt.

A: Unbedingt, aber dennoch erkannte er in § 4: es gibt auch Heilungshindernisse, der Mensch, der Erkrankte lebt weiter mit seinen Problemen (wie z.B. zur Zeit Hahnemann das Leben in feuchten Räumen, aber natürlich auch psychische Probleme, die Hahnemann in seinen Anweisungen der chronischen Erkrankungen genau definiert: er nennt sie „Gram und Verdruss, die größten Zerstörungs-Mittel des Lebens“) und damit wird die Heilung schwieriger. Der Prozess der Erkrankung kann dann nicht gestoppt werden. Wir sind heutzutage mit vielen chronischen Erkrankungen konfrontiert.

H: Wir reden über das Organon, sprachen aber über viele Heilungsgrundlagen. Jetzt möchte ich noch eine erwähnen. In der Beschäftigung mit den chronischen Erkrankungen definierte Hahnemann die Miasmen. Er nahm das Wort Miasma ins Organon ein, er hat drei Grundmiasmen erwähnt, die wir heutzutage ausgeweitet haben in noch verschiedene andere Miasmen. Erzähle etwas darüber.

A: Hahnemann erkannte natürlich auch damals, dass chronische Erkrankungen besondere Heilungswege benötigen und hat damit die Chronizität von drei Miasmen, d.h die Verunreinigungen durch Grunderkrankungen hervorgerufen werden. Damit meinte der die Zerstörung der Lebenskraft durch das Miasma der Syphilis, die Wucherungen durch das Miasma der Feigwarzenerkrankung (Sykosis) und die Energie, die sich auf der Haut abspielt durch Krätze (Psora). Wir dürfen nun in der Homöopathie nie das große Konzept vergessen: Es geht nicht allein um die Erkrankung des Organismus, sondern um die dahinter sich befindende geistartige Syphilis oder Sykosis oder Psora. So ist wichtig zu bedenken, dass jedes Miasma nur eine energetische Verunreinigung des Körpers ist. Wir dürfen in der Homöopathie niemals Materie und Energie verwechseln. So wie wir wissen, jede Erkrankung hat zuerst den energetischen Charakter und der formt Körper und Psyche.

So ist die Empfänglichkeit für eine Erkrankung vorher da und dann erst wird der Körper krank. Ein Beispiel ist die Zeit der Pest, in der viele Ärzte nicht krank wurden, also nicht angesteckt wurden. Denn es ist immer die Empfänglichkeit auf der „geistartigen“ Ebene, die eben nicht materieller Natur ist, die erkranken lässt. So wie ein Kind auch dann erkrankt, wenn die Lebenskraft, wie vorhin festgestellt wurde, in einen schwächeren Zustand geraten ist.

H: Hahnemann spricht aber auch, dass der Mensch diese Erkrankungen aus der Vererbung mitbringt, also diese Verunreinigungen, sprich Miasmen. Hinzu kommt, was er noch erwirbt in der Lebensphase, in der er sich befindet.

A: Goethe (alles die Zeit Hahnemann) sagt so treffend: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen, sonst ist es eine Last.“ Natürlich haben wir das körperliche von unseren Vorfahren, aber auch dieser Körper hat natürlich einen energetischen Körper und der ist es, der den physischen Körper formt, wie wir aus dem vorgesagten erkannt haben. Das heisst auch, dass selbst wenn du es geerbt hast, ist diese Energie veränderbar. Wir dürfen nie vergessen, dass die Dynamis die wesentliche Schaltstelle ist, das dynamische Prinzip.

H: Welche Paragraphen im Organon berühren Dich persönlich und sind für Dich in Deiner heutigen Praxis für die Verschreibung für den Patienten wesentlich.

A: Eigentlich natürlich alle Paragraphen oder viele und immer wieder die Erklärung des geistigen Prinzips. Das ganze Organon - wie ich schon erläuterte - ist für mich geistig, ich schaue immer hinter die Worte. Aber ein wesentlicher Paragraph ist § 83 „Diese individualisierende Untersuchung eines Krankheits-Falles, wozu ich hier nur eine allgemeine Anleitung gebe und wovon der Krankheits-Untersucher nur das, für den jedesmaligen Fall Anwendbare beibehält, verlangt von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit.“ Nun tendiere ich dazu, jedes Wort, jeden Begriff zu erklären. U.a. ist wesentlich, das Wort „Untersucher“, d.h. man muss unten drunter suchen. So sagt er noch, dass er Untersucher nur das Anwendbare behält und nicht alles, was den Patienten betrifft, das ist ein wesentlicher Punkt in der Behandlung des Patienten. Auch die Worte Unbefangenheit und gesunden Sinne sind wichtige Voraussetzung…

H: Hier erklärt Hahnemann die Vorurteilslosigkeit…

A: ja unbedingt. Und wichtig ist für mich die Individualisierung. Es ist Voraussetzung, um individualisieren zu können, dass der Heilkünstler selbst individualisiert ist, Das heisst, du muss ein Individuum sein, denn nur dann kann man sich auf „gesunde Sinne und Unbefangenheit“ verlassen. „Aude sapere“, die Aufforderung ist, sich seines eigenen Verstandes bedienen zu können (siehe oben). Alles dies sind Grundvoraussetzungen für den Krankheits-Untersucher.

H: Darf ich auf § 153 aufmerksam machen.

A: Ja so ist das Organon geteilt in den ersten Teil mit Vorrede, Inhaltsverzeichnis, Einleitung und in den zweiten Teil, der wiederum aufgeteilt ist in Theoretischen Grundlagen von §§ 1-70, dann im zweiten Teil die Praxis der Homöopathie von §§ 71-291 erfasst. § 83 beschreibt nun was die Aufgaben des Homöopathen sind, während § 153 beschreibt die Voraussetzungen für die Wahl des passenden Heilmittels, er beschreibt die Präzision des Ähnlichkeitsprinzips, auf welche Symptome Wert gelegt werden soll, nämlich die „auffallendern, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenseitlichen Zeichen und Symptome des Krankheitsfalle.“ Das sind natürlich die Symptome, die rational nicht gut erklärbar sind. Denn das ist Teil des Individuellen und damit von Wichtigkeit. So wie die Gestalt der Erkrankung das Individuelle beinhaltet. In meiner mehr als 30jährigen Praxis schaue ich tagtäglich, wo ist das Individuelle im Patienten und wie kann ich dies umsetzen in ein passendes Heilmittel. Hinzu kommt, dass jeder Mensch, der sich individuell verstanden fühlt, das heisst gespiegelt wird von dem Heilkünstler, beginnt auf einen Entwicklungsweg zu gehen. Und gerade diese Individualisierung ist eines der großen Geschenke, die Hahnemann uns über die Erkenntnis bereitet hat.

H: Hahnemann erklärt Schritt für Schritt, erklärt alles…

A: Er nimmt den Homöopathen bei der Hand. Daher ist es so beglückend, das Organon zu lesen. Man spürt eine Energie, die einen an die Hand nimmt, aber gleichzeitig frei lässt…

H: … und zum Denken anregt.

A: So kann man jeden Satz und jedes Wort hinterfragen, definieren und neu verstehen. Das ist das Geheimnis hinter dem Organon.

H: Ich lasse Dir noch mal Raum für die Gedanken jenseits der Paragraphen, die alles präzise beschreiben, logisch aufgebaut, aber gleichzeitig ist noch mehr im Organon, es ist noch Raum für die Zwischenzeilen, für die Gedanken der Freimaurerei.

A: Das genau ist das Geheimnis der Welt. Ich habe mich mit den verschiedenen Geheimbünden beschäftigt, nicht nur den Freimaurern. Ich gehöre keiner Loge an, aber dennoch lebe ich nach den Prinzipien. Wir schreiben ein neues Jahrtausend, die Geheimnisse der Freimaurerei können dargelegt werden. Was ist die Idee der Freimaurerei? Der Mensch als der unbehauene Stein, der durch die Selbsterkenntnis, die Weisheitsworte des Altertums „Erkenne Dich selbst“ seine Kanten und Ecken abfeilt, denn damit bearbeitet er seinen eigenen Stein, um am großen Weltgebäude, an der Kathedrale der Welt mitzuarbeiten. Das ist das, was wir in der heutigen Zeit brauchen: jeder arbeitet an seiner eigenen Entwicklung, um gemeinsam an der ganzen Welt mitzuarbeiten. Die geistige Voraussetzung hat eigentlich jeder Mensch, nur mancher muss erwachen, oder gelehrt werden und die Augen öffnen. Daher betrachte ich auch die homöopathische Behandlung als existentiell oder besser noch essentiell für den Menschen. In jeder homöopathischen Behandlung wird der Stein bearbeitet und zwar natürlich nur auf geistiger Ebene. Diese geistige Bearbeitung fühlt zu einem heileren Dasein. So wie Hahnemann in § 9 sagt: im „gesunden Zustande des Menschen“ sind die „Gefühle und Tätigkeiten in einem bewundernswürdig harmonischen Lebensgange“ und dann kann sich „unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhere Zwecke unsers Daseins bedienen.“ Er spricht von der Weisheit in uns. Wichtig ist auch, dass er nicht vom „höheren Wohl“ des Daseins spricht, was so mancher Patient sich wünscht. Sondern er spricht vom „höheren Zweck“ des Daseins. Das ist natürlich der freimaurerische Ansatz: wenn wir in uns selbst heil werden oder zumindest für kurze Zeit uns immer wieder in diesem Zustande befinden, dienen wir dem Zweck unseres Daseins und bauen dann mit an dem Tempel der Welt. Für mich repräsentieren diese Aussagen einen unglaublichen Respekt vor der Größe der Welt und des menschlichen Daseins und vor der Einmaligkeit der Energie in und hinter unseren Welten.

H: Damit gibst Du mir ein Wort an die Hand. Der Satz stammt von Dir: „Das, was auf geistigen Prinzipien beruht kann niemals zerstört werden.“ Die Homöopathie wird in den letzten Jahren immer mehr angegriffen. Machst Du Dir Sorgen, dass die Angreifer immer stärker werden.

A: Dieser Satz ist meine tiefe Überzeugung, man kann im aussen alles zerstören, aber Du kannst nie die Energie zerstören. Das geistige Prinzip lebt immer weiter, auch wenn die Angriffe gross sind. Diese Angriffe können auch eine gewisse Zeit eine Lähmung hervorrufen, aber damit geht das geistige Prinzip der Homöopathie nie verloren.

Vielleicht kann ist es vergleichen mit einem Bild: Der Mensch ist zum Licht hin orientiert. Im Herbst/Winter wird das Licht weniger, das heisst die Dunkelkräfte nehmen zu und dann beginnt der Mensch Lichter anzuzünden, was wir gut vor Weihnachten sehen können. Nach der Wintersonnwende im Dezember nimmt das Licht wieder zu, die Lichtkräfte nehmen wieder zu und die Ängste nehmen wieder ab. So kämpft das Lichte nie gegen die Dunkelkräfte, ich bin sicher das Licht gewinnt immer wieder. So habe ich auch keine Angst vor den Kräften, die die Homöopathie zerstören wollen. Wir befinden uns eher in einer Zeit, in der die geistigen Kräfte nicht erkannt werden können, aber auch nicht zerstört werden können. Wir tragen also die Homöopathie weiter in dieses Jahrtausend und es gibt kein Ende. So wie es bei Harry Potter so schön beschrieben ist, er konnte den dunklen Lord nicht töten, die dunkle Kraft musste sich durch sich selbst vernichten. Also das sind geistige Prinzipien, die meiner Lebenseinstellung sehr nahe sind.

Natürlich ist alles in Wandlung begriffen, in Materie und Wissenschaft und natürlich auch auf der geistigen Ebene. Wandlung ist ein wichtiger Teil des Lebens.

H: Der Titel heisst „die Pioniere der Homöopathie im 21. Jahrhundert“. Hahnemann hat von Selbstversuchen gesprochen. Du hast 7 Prüfungen geleitet und veröffentlicht. Die erste Prüfung war Ozon, ich war Teil der Prüfung, magst Du dazu etwas sagen?

A: Hahnemann prüfte die Chinarinde weil er Fragen hatte zu den Aussagen der Ärzte der damaligen Zeit über die Wirkung der Chinarinde. Er nahm es nicht einfach so hin, sondern er hinterfragte. Man sollte also nie aufhören zu fragen, was auch Einstein empfiehlt. Hahnemann prüfte auch Mercurius, Quecksilber weil es in der giftigen Substanz bei der Syphilis Erkrankung eingesetzt wurde und fragte sich welche Symptome erzeugt Mercurius. Oder er potenzierte und prüfte Lycopodium, da Lycopodium inert ist und damit gute Trägereigenschaften für giftige Substanzen wie Digitalis usw. hatte, aber die Menschen dadurch viel Lycopodium zu sich nahmen und welche Symptome entstehen durch potenziertes Lycopodium. Das waren Themen der damaligen Zeit. Daher fragte ich mich, ganz in der Tradition Hahnemanns, im Geist des Organons (nicht nur die starren Gesetze) also in den Anfängen der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts: Was ist die Qualität der jetzigen Zeit? Woran erkennt man sie? Meine Antwort: es steht vermutlich heute in der Zeit-ung, was der jetzigen Zeit entspricht. Damals war ein wichtiges Thema Ozon. Der Zauberlehrling Mensch hatte im Laufe der Industrialisierung nach und nach die Ozonschicht weit in der Stratosphäre zerstört, damit reicherte sich Ozon auf der Erde an und vergiftet die Menschen machte sie krank. Die materielle Bedeutung konnte ich verstehen, aber was ist die Energie hinter Ozon?

H: Dadurch wurde ein Buch und dann folgten noch weiter?

A: So ging ich den Weg weiter. Es begegneten mir Patienten, die wegen manischer Depression mit Lithium-Salzen behandelt wurden, Lithium wurde erst nach dem 2. Weltkrieg in der Medizin eingesetzt und war in der Homöopathie nicht wirklich erforscht, also wollte ich herausfinden was der Geist dahinter uns erzählen konnte. Eine wesentliche Prüfung war auch noch die Prüfung der Kauei-Schnecke im Jahr 2000, als es um die Diskussion vom Wechsel der DM hin zur Euro gingen. Wie verstehe ich nur dieses Geld-Phänomen? So wollte ich mich mit einem Urgeld beschäftigen. Dieses Ur-Geld war die Kauri-Schnecke, eine Art Tauschgeld. So fand natürlich zufälligerweise noch eine Ausstellung im Museum „Natur und Mensch“ in München mit dem Titel statt: Wollt Ihr Euros oder Kauris. So wird immer alles im Leben „gespiegelt“, darauf kann man vertrauen.

Meine letzte Prüfung war 2009 die Prüfung des Turmalins, des Edelstein des Regenbogens. Die Entscheidung für dieses Mittel hatte verschiedene Gründe: Goethes Märchen, eine nicht leicht zu verstehende Erzählung, hat mich viele Jahre beschäftigt. Goethe spricht von einer neuen Zeit, und schreibt von der Jahrtausendwende, vom Brückenbau zur Jahrtausendwende. Nun gab es zu Goethes Zeit gar keine Jahrtausendwende, was meint er wohl? Goethe schreibt von Edelsteinen, denn die bauen die Brücke hin zur neuen Welt.

Die mythischen Geschichten dieser Welt haben mich schon immer geführt und daher suchte ich nach einem Edelstein für die nächste Prüfung. Der Apotheker der Enzian-Apotheke, Walter Schmitt, ein Sammler der schönsten Edelsteine, brachte mich auf den Turmalin. In all den Jahren und mit all meinen „Versuchen“, die Tradition der alten Homöopathen weiterzuführen und unsere Materia Medica durch neue Prüfungen zu erweitern, war mir Walter Schmitt als Apotheker ein beständiger Freund zur Seite. Auch diese Anweisung gab Hahnemann: alle Verreibungen und Verschüttelungen mit den Erfahrungen eines Apothekers zu bereichern. Im Turmalin, dem Edelstein des Regenbogens, ist das Licht ist eingesperrt, die Farben des Regenbogens sind versteckt im Innern. So hatte man erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts die entsprechenden Werkzeuge zur Verfügung, um den Stein zu schneiden. Damit kam erst das Licht vor 100 Jahren zum Vorschein und damit gewann der Stein an Bedeutung und an Wert. Durch eine Verreibung und Verschüttelung des Steines und die folgenden Berichte und Erlebnisse der Probanden mit dem potenzierten Stein erfuhr ich viel über die geistige Entsprechung.

Zusammenfassend kann ich sagen: mich beschäftigt immer unsere Tradition im Geiste Hahnemann weiterzuführen. Das Erbe Hahnemann habe ich ganz bewusst und mit viel Freude und Liebe betreten. Ich halte mich da an Schillers „Ode an die Freude“, denn Freude ist die Voraussetzung in der täglichen Praxisarbeit mit den erkrankten Menschen und an der Weiterentwicklung der Homöopathie so wie es die alten Meister vor uns gemacht haben. Jeder nächste Homöopath steht auf den Schultern der vorigen Generationen und wenn man auf den Schultern steht, kann man immer weiter sehen. Das ist meine Lebensphilosophie, so sehen unsere Kinder/Schüler weiter als wir. Dieser Evolutionsgedanke bereitet mir viel Freude.

H: Würdest Du etwas über Schillers „Ode an die Freude“ erzählen?

A: Es ist die Europa-Hymne und damit umfasst sie zuerst einmal schon Europa, die Freude. Aber was sagt die Hymne aus? Freude ist ebenfalls eine geistige Kraft, die Freude ist der Götterfunken, die Tochter aus Elysium, also aus geistigen Bereichen kommend, eine weibliche Kraft. Weiter heisst es „… wir betreten feuertrunken…“ so ist das Feuer immer der geistige Funke. Das bedeutet, mit der Freude betreten wir die geistige Welt und dort findet die Bruderschaft der Menschen statt, die auf der Welt („…was die Mode geteilt…) getrennt sind. Was dies nicht eine gute Wahl für ein geeintes Europa? Nun so einfach geht es halt leider nicht, aber das Ziel ist definiert. Die Freude erreicht die geistige Verbrüderung und damit sind wir wieder zurückgekommen zur Zeit Hahnemanns, die Zeit der Aufklärung mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, eine geistige Entsprechung. Damit ist die Homöopathie heute genauso aktuell wie damals zu der Zeit als Hahnemann lebte.

H: Ich nehme jetzt noch mal drei Fäden von Dir in die Hand. Du nanntest die Europa-Hymne mit der 9. Sinfonie von Beethoven, die Worte von Schiller (1785), dann gehst Du her und erwähnst Goethe, der sagt, Du musst es erwerben, um es zu besitzen. Du versuchst, das geistige Erbe Hahnemann weiterzuführen. Er war ein Deutscher, man spürt in all seinen Lebensphilosophien und natürlich auch im Organon spürt man die deutschen Wurzeln, wie sie Schiller, Goethe, Hahnemann und mehr ausdrückten. Wir können stolz sein auf unsere mitteleuropäischen weisen Menschen.

A: Ja in dieser Zeit kamen die Strömungen zusammen, der Geist des Menschen wurde geboren, dieser allumfassende Geist manifestiert sich durch die verschiedenen weisen Menschen dieser Zeit. Sie vertrauten dem Licht des Lebens, dem auch ich vertraue. Das Prinzip des Lichtes wird siegen.

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Anne Schadde
Heilpraktikerin
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